Fr.11.02.2022
The Notwist
Vertigo Days
Konzert
Einlass: 19:00 Uhr
Beginn: 20:00 Uhr
Vorverkauf: 34,00 €
Video

Auf Vertigo Days, dem ersten Album von The Notwist seit sechs Jahren, präsentiert sich
eine der wohl wegweisendsten Indie-Bands des Landes ganz im Hier im Jetzt. Neugier und
Offenheit waren schon immer treibende Kräfte hinter der Musik von The Notwist, doch
selten wurde das deutlich wie auf Vertigo Days. Musikalisch vermittelt diese Offenheit sich
im Amalgam aus melancholischem Pop und funkelnder Elektronik, hypnotischem Krautrock
und schwebenden Balladen. Konzeptuell zeigt sie sich im Umstand, dass The Notwist ihre
Kernbesetzung (bestehend aus den Brüdern Markus und Micha Acher sowie Cico Beck) für
dieses Album um Gastmusiker*Innen erweitert haben:
„Wir wollten das gängige Konzept einer Band in Frage stellen, aber auch die Idee von
nationalen Identitäten aufweichen“, erklärt Markus Acher. „Darum haben wir auch anderen
Stimmen und Sprachen Raum gegeben.“
Sechs Jahre sind seit dem letzten Album (Close To The Glass) vergangen. Jahre, welche die
Mitglieder der Band nicht nur ihren anderen Bands gewidmet haben (z.B. Spirit Fest,
Hochzeitskapelle, Alien Ensemble, Joasihno), sondern auch dem Betreiben eines eigenen
Plattenlabels (Alien Transistor), dem Komponieren mehrerer Filmmusiken sowie dem
Kuratieren von Compilations (zuletzt Minna Miteru) und einem jährlich stattfindenden
Festival (Alien Disko).
All das hinterließ auf dem neuen Album Spuren. Es spiegelt sich vor allem in seiner Struktur,
die das Ergebnis eines offenen, kollektivistischen Prozesses ist: Aus Improvisationen
wurden Songs, die oft ineinandergreifen. Entstanden ist eine äußerst lebendige Musik,
deren cinematische Qualität sich auch im Artwork der japanischen Fotografin Lieko Shiga
wiederfindet. Die wiedergefundene Offenheit zeigt sich bereits bei „Ship“, der ersten Single
zum Album. Ein treibender, krautiger Groove dient hier als Fundamant für die entwaffnende
Stimme von Saya, bekannt als weibliche Hälfte des japanischen Pop-Duos Tenniscoats. Ein
weiterer Gast ist der US-amerikanische Multiinstrumentalist Ben LaMar Gay, der für „Oh
Sweet Fire“ auch den Text schrieb: Ein „Liebesgedicht für heutige Zeiten“, das von
Liebenden in den Wirren eines politischen Protestmarsches erzählt. Dem leicht spacigen
Dream-Pop von „Into The Ice Age“ lieh die Jazzmusikerin Angel Bat Dawid ihr
Klarinettenspiel. Zu „Al Sur“ schließlich steuerte die argentinische Sängerin und Produzentin
Juana Molina Gesang und die elektronischen Teile des Arrangements bei. Bei diesem Stück
tritt abermals Saya in Erscheinung, diesmal jedoch in ihrer Funktion als Teil des
Bläserensembles Zayaendo.
Unterdessen erlauben The Notwist der Musik, sich in immer neue, oft unerwartete
Richtungen zu entwickeln – wie sie das auch bei Live-Auftritten tun. Die Vielstimmigkeit aus
Ideen, Stilen und Beteiligten wächst auf Vertigo Days zu etwas tatsächlich Kohärentem
zusammen. Aus Diversität formiert sich ein Album im besten Sinne, eines, das beim Hören
im Ganzen noch dazugewinnt. Auch die Songtexte sind miteinander verwoben: Sie
erwecken, wie Markus Acher sagt, „das Gefühl eines zusammenhängenden Gedichts.“ In
diesen facettenreichen Texten haben sich die (geo-)politischen Unwägbarkeiten der letzten
Jahre tief eingeschrieben:
„Dass für unmöglich Gehaltenes jederzeit Realität werden kann, war so ein Thema, das wir
eher aus dem Privaten kannten. Aber während der Aufnahmen zum Album hat sich die
Situation dramatisch verändert. Plötzlich ereigneten sich diese unmöglich geglaubten Dinge
auch außerhalb, in weltpolitischem Maßstab“, erläutert Markus, der dieser Erfahrung mit den
poetischen Mitteln der Abstraktion begegnet, sie allerdings nicht als Einbahnstraße,
sondern als multidirektionale Bewegung begreift: Globale Zusammenhänge verlängern
sich auf Vertigo Days mitunter zurück ins Private.

Alles ist in der Schwebe, sicher ist nur, dass nichts sicher ist. „Vielleicht geht es vor allem um
einen Lernprozess, und darum, dass man nie wirklich irgendwo ankommt“, sagt Acher. „Sich
dieser Unsicherheit zu stellen, erfordert Mut – sie erfüllt uns aber zugleich mit einem starken
Gefühl der Lebendigkeit.“ Vertigo Days ist ein Album, das vor Lebendigkeit nur so strotzt.
Open-minded, voller Begeisterung für Musik und für Ideen des Gemeinschaftlichen. Ein
Album, das mit offenen Augen zu träumen wagt. Und dessen Vielschichtigkeit vor allem
auch live entdeckt werden will.

 

Besetzung:

Markus Acher, Micha Acher, Cico Beck

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